Rübezahl kommt ins Tal

 

Herbst für Herbst das gleiche grandiose Schauspiel am Großen Ahornboden: Färben sich die Blätter der Berg-Ahorn-Wälder in ein imposantes Gelb, pilgern die Touristen in das Tal im Karwendelgebirge im österreichischen Tirol. Denn so schön und zahlreich wie dort blüht der Berg-Ahorn anderswo nur selten. Das Kuratorium Baum des Jahres der Stiftung Menschen für Bäume kürte den Berg-Ahorn nun zum Baum des Jahres 2009.

 

In Deutschland prägt der Berg-Ahorn zusammen mit Esche und Bergulme vor allem Schluchtwälder in den Mittelgebirge. Weil er die feuchten und kühlen Höhen des Berglandes bevorzugt, nennt ihn der Volksmund auch gerne den Rübezahl unter den einheimischen Ahornarten. Doch so ganz stimmt das nicht mehr. Mittlerweile hat sich die Baumart von den Höhenlagen Europas bis ins Tiefland ausgebreitet, auch weil der Mensch ihn gerne pflanzt. Beispielsweise wächst der Ahorn nun auch in Norddeutschland in Parks, Gärten und entlang von Straßen oder an Feldrändern.

 

Der Berg-Ahorn kann sich gut anpassen, seine Ansprüche an den Lebensraum sind nicht allzu hoch. Er braucht nicht viel Sonne, Streusalz verträgt er obendrein, und weil sein dichtes Laubdach so prächtig die Lärmverbreitung unterbindet, setzen ihn Straßenbauer gerne in als Alleebaum. Allerdings können ihm gerade in jungen Jahren Spätfröste im Mai ganz schön zusetzen und der Boden sollte nicht zu trocken und zu nährstoffarm sein.

 

Unter den Förstern genießt der Berg-Ahorn einen hervorragenden Ruf und zählt deshalb zu den Edellaubhölzern. Das hat seine Gründe: Das Holz ist nämlich außergewöhnlich hart. Es lässt sich gut bearbeiten und gegen gutes Geld weiterverkaufen: In Sachsen etwa zahlte vorigen Winter ein Käufer 8 670 Euro für einen Ahorn-Stamm. Die hohe Qualität nutzen zudem Instrumentenbauer, um aus dem Holz Geigen, Fagotte oder Flöten zu schnitzen. Zimmerleute verwenden das auffallend helle Holz gerne für edle Treppen und Fußböden. Und auch als Kochlöffel, Nudelholz oder Frühstücksbrett findet der Berg-Ahorn seine Verwendung.

 

Und auch Kinder haben den Berg-Ahorn in ihr Herz geschlossen, denn die langflügeligen Früchte sind ein interessantes Spielzeug. Sie kleben als Horn auf der Nase der Kleinen und erfreuen die Kinder, wenn die Früchte hubschrauberartig langsam zu Boden rieseln. Bis zu 125 Meter können die Ahorn-Früchtchen durch den Wind verfrachtet werden und so für die natürliche Verbreitung der Art sorgen.

 

Die Begeisterung für den Berg-Ahorn ist jedoch nicht überall so groß. Autofahrer sind auf ihn meist gar nicht gut zu sprechen. Wer im Frühsommer unter einem Ahornbaum parkt, wird sein Fahrzeug binnen kurzer Zeit von einem klebrig-süßen Film überzogen vorfinden. Schuld daran haben Blattläuse, die ähnlich wie bei Linden aus den Blattknospen den zuckerhaltigen Saft saugen und dann aber nur das Eiweiß verarbeiten. Der Zucker wird anschließend als Honigtau ausgeschieden und verklebt die Karosserie. Von dem hohen Zuckergehalt wollte auch der Mensch vor 200 Jahren profitieren. Als der Preis für Rohrzucker zu Napoleons Zeiten hierzulande explodierte, wurde auch in Berlin fleißig experimentiert, um den Zuckergehalt industriell zu nutzen. Allerdings lief dann die Zuckerrübe dem Ahorn den Rang ab, da diese eine deutlich höhere Zuckerausbeute garantierte.

 

Um die Zukunft des Berg-Ahorns muss man sich in Zeiten des Klimawandels keine gro-ßen Sorgen machen. In den Mittelgebirgen wird der Baum von der längeren Wachstumsperiode profitieren. In der Stadt wird man ihn aber häufiger gießen müssen, sonst könnte er verdursten.

 

von Benjamin Haerdle

 

Weitere Informationen finden Sie unter externer Hyperlink in neuem Fenster öffnen www.baum-des-jahres.de

 

 

Der Berg-Ahorn …

 

… wird im Fachjargon Acer Pseudoplatanus genannt und zählt zur Familie der Seifenbaumgewächse. Nah verwandt mit ihm sind der Spitz- und der Feld-Ahorn.

 

• Die drei Arten Berg-, Spitz- und Feld-Ahorn kann man anhand ihrer Blätter unterscheiden: Die des Berg-Ahorns sind am Rand leicht angesägt, die Blätter der beiden Verwandten dagegen nicht.

• Acer Pseudoplatanus kann 600 Jahre alt werden und 30 Meter hoch. Sein Stamm hat eine glatte, graubraun bis graugelbe Borke. Die Berg-Ahornblüten sprießen im Mai und wachsen in hängenden Traubenrispen.

• Der Berg-Ahorn ist Lebensraum für viele Vogelarten, Insekten, Pilze und Misteln. Die Ahorn-Samen werden gern von Eichhörnchen, Mäusen und Kernbeißern gefressen.