Grüne Stadt macht blau

 

Boris Palmer ist ein Phänomen. Für den Grünen und Oberbürgermeister von Tübingen und seine seit April 2008 laufende Klimaschutzkampagne hat es absolute Priorität, zunächst mal ein gutes Vorbild abzugeben. Darüber und über die Chancen einer ganzen Bürgerbewegung hat der 37-Jährige ein Buch geschrieben. Sein Sendungsbewusstsein ist Programm, Nachahmung extrem erwünscht.

 

Palmer lebt ohne eigenes Auto und fährt viel Fahrrad, was in einer kleinen Kommune wie Tübingen (85 000 Einwohner) nicht schwerfallen dürfte, zumal als Bürgermeister, der selbstverständlich einen Dienstwagen zur Verfügung hat. Aber jetzt kommt´s: Palmer lagert im Winter seine Lebensmittel auf dem Balkon und kauft im Sommer nur ein, was gleich verzehrt werden kann. Die Konsequenz: "Mein Kühlschrank ist seit vier Jahren aus", schreibt der Familienvater, bevor er über ein Projekt berichtet, das er den Stadtwerken und Partnerbetrieben vorgeschlagen hat, denn: "Sie müssen ja nicht so weit gehen wie ich." Ohne Kühlschrank leben! Vielmehr sollen die Stadtwerke ein Hocheffizienzgerät für jeden Haushalt offerieren, das die Kunden über ihre Stromrechnung binnen zehn Jahren abbezahlen. "Wer dieses Angebot annimmt, hat also einen neuen Kühlschrank und zahlt dafür nicht mehr als für den alten."

 

Solcherart sind die Bausteine der Kampagne "Tübingen macht blau - 10 % weniger CO2 bis 2010". Und Palmers Amtsziel geht noch weiter: Bis 2020 soll Tübingens CO2-Ausstoß auf das klimaverträgliche Maß von drei Tonnen pro Kopf und Jahr eingedämmt werden. "Ich komme selbst privat auf etwa sechs Tonnen im Jahr", bekennt der grüne OB. Noch viel zu viel also, und das trotz seines Verzichts auf einen Kühlschrank. Rechnet Palmer auch noch seine vielen Dienstreisen mit ein, die per definitionem unter öffentlichen Konsum fallen, "dann bin ich mit mindestens 20 Tonnen allerdings weit jenseits von Gut und Böse". Geht aber nicht anders, denn schließlich muss Tübingens Stadtvater nicht nur seinen Bürgern ein gutes Vorbild sein, sondern er will auch über die Stadtgrenzen hinaus von seiner Kampagne berichten.

 

Selbst ernannte und ausgezeichnete Klimaschutzkommunen gibt es bereits sehr viele. Doch "relevante Minderungserfolge kann so gut wie keine Kommune vorweisen", behauptet Palmer. Grund: Meistens glänzen Gemeinden mit Modellprojekten, einem einzelnen Plus-Energiehaus oder einer einzelnen Solaranlage. Doch "erst wenn eine Stadtgesellschaft sich tatsächlich gemeinsam auf den Weg zur Klimaschutzkommune macht, dann kann sie fast ohne Land, Bund, EU oder UNO viel erreichen", sagt Palmer. Seine Stadt hat da bis auf eine vielversprechende Kampagne noch nicht allzuviel vorzuweisen. Doch scheint der Oberbürgermeister auf einem guten Weg zu sein, hat er doch mit den Themen Ökologie und Klimaschutz 2006 die Wahl gewonnen. Die Stadt bietet auf ihrer Homepage einen individualisierten CO2-Rechner an, der spezifische Tübinger Daten der Berechnung zugrunde legt. So könne man sehen, "was es bringt, in Tübingen vom eigenen Auto auf den Bus umzusteigen oder den Stromanbieter zu wechseln". Palmer hat nach eigener Aussage noch niemanden getroffen, der die CO2-Zielmarke des Bürgermeisters, drei Tonnen pro Kopf und Jahr, erreicht hat. "Aber fünf Tonnen haben mir besonders umweltbewusste Mitbürger schon vorgerechnet."

 

Palmer nennt in seinem Buch viele Beispiele, wie sich etwa drei Viertel der CO2-Emissionen einer Stadt lokal beeinflussen lassen: Wenn alle Menschen die Glühbirnen durch Energiesparlampen ersetzten, wenn alle einen Kurs in energiesparender Fahrweise belegten, wenn alle zu Ökostrom wechselten, wenn alle mehr auf Bus, Bahn und Fahrrad umstiegen. Entscheidend dabei ist das Wörtchen "alle".

 

von Tim Bartels

 

> Universitätsstadt Tübingen, Umwelt- und Klimaschutzbeauftragter Bernd Schott, Rathaus Am Markt 1, 72070 Tübingen, Fon 07071/204-1800 Fax 07071/204-1777, umwelt-klimaschutz@tuebingen.de, externer Hyperlink in neuem Fenster öffnen www.tuebingen.de

 

 

Fünf aus 25 Palmer-Tipps

 

1. Wechseln Sie zu "echtem" Ökostrom. Damit sparen Sie im Haushalt etwa zehn Prozent Ihrer CO2-Emissionen. Ein Teil des Preises, den Sie dafür bezahlen, geht in den weiteren Ausbau erneuerbarer Energien. Vorsicht vor "grünen" Varianten der großen Energiekonzerne! Bei denen bezahlen Sie mehr, damit andere Abnehmer Kohle- oder Atomstrom billiger erhalten.

 

2. Machen Sie jährlich einen Check Ihrer Heizungsanlage. Am besten von einem Fachmann. Programmierbare Thermostate sparen etwa zehn Prozent Heizkosten. Prüfen Sie, ob die Temperatur nicht zu hoch eingestellt ist, ob die Heizkörper entlüftet und sauber sind, ob die Pumpeneinstellung auf kleinster Stufe steht und ob der Druck stimmt.

 

3. Prüfen Sie, ob in Ihrem Keller ein dezentrales Kraftwerk betrieben werden kann. Ein Blockheizkraftwerk lässt sich in fast jedem Keller installieren, mit dem zusätzlich zur Wärme für Heizung und Warmwasser auch noch Strom erzeugt wird. Wichtig dabei ist eine fachmännisch an das Verbrauchsverhalten angepasste Dimensionierung der Anlage.

 

4. Gehen Sie an die Sanierung Ihres Altbaus. Das erhöht den Wohnkomfort und steigert den Wert des Gebäudes. Eine Modernisierung mit Dämmung der obersten Geschosse und der Kellerdecke sowie der Rohrleitungen und der Außenwände, zusätzlich der Einbau von Wärmeschutzfenstern und einer neuen Heizungsanlage, reduziert den Energieverbrauch um 65 Prozent. Diese Investition macht sich nach 16 Jahren bezahlt.

 

5. Konsumieren Sie bewusst nach dem Motto "Gut leben statt viel haben". Damit sparen Sie viel der indirekten Energie ein, die für Dienstleistungen oder die Herstellung, Verpackung, Lagerung und den Transport von Nahrungsmitteln und Konsumgütern verbraucht wird. Es empfiehlt sich daher, selten benötigte Geräte auszuleihen, das Rad statt das Auto zu nutzen und letzteres bei Bedarf zu mieten.

 

> Weitere 20 Tipps hat Palmer auf Lager in: Eine Stadt macht blau. 224 S. 8,95 Euro. KiWi Paperback.

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