Aufklärer des perfekten Verbrechens
Es "war der Tag, an dem wir aufhörten über das Wetter zu reden", sondern nur noch darüber, "was wir gegen den Klimawandel unternehmen können". Mit diesem Zitat vom 2. Februar 2007, als der Weltklimarat seinen alarmierenden Bericht vorlegte, beginnt Bernhard Pötters beeindruckendes Buch "Tatort Klimawandel". Für den Umweltjournalisten war es offenbar der Tag, an dem er in die Welt hinausfuhr, um Täter, Opfer und Profiteure der zunehmenden Erderwärmung zu treffen.
Pötter fährt zum mächtigsten Klimakiller im globalen Treibhaus, zum texanischen US-Ölgiganten ExxonMobil nach Houston, spricht dort mit Uni-Professoren, Chefredakteuren, Forschern und Umweltschützern. Allein der größte Feind des Klimaschutzes lässt ihn nicht vor: "Sorry, leider ist niemand für ein Gespräch verfügbar", heißt es bei ExxonMobil. Was Pötter aber dennoch über das reichste Privatunternehmen der Welt in Erfahrung bringt, ist, dass es über viele Jahre Millionen dafür ausgegeben hat, "um die Öffentlichkeit der USA mit Tarnungen und Fälschungen gegen wirksamen Klimaschutz aufzubringen".
Oder sie bedienen sich der sogenannten Klimaskeptiker, die die Erderwämung in Abrede stellen. Etliche von ihnen stehen in Diensten der Ölindustrie. Einer, der von Ölfirmen Honorare für Vorträge bekommt, ist Richard Lindzen, Professor für Meteorologie am MIT in Boston "und Klimawissenschaftler mit internationalem Ruf - inzwischen vor allem dem eines Mahners, den Klimawandel nicht zu ernst zu nehmen", schreibt Pötter, der Lindzen in Paris trifft, um ein Interview zu führen, das von gegenseitigem Misstrauen nur so strotzt: "Schreiben Sie das, und ich werde Sie verklagen", droht er Pötter, als der nach dem Vorwurf fragt, Lindzen werde indirekt von der Ölindustrie finanziert. Immerhin aber soll der Klimaskeptiker der Bush-Regierung dafür vorgeschlagen worden sein, "die Statements der USA in den Klimaverhandlungen einer gründlichen Revision zu unterziehen", wie Pötter aus einem vertraulichen Memo erfährt. "Absender des Memos: Randy Randol aus dem Washingtoner Büro von ExxonMobil." Pötter hat aber nicht nur in den USA recherchiert, er war auch im brasilianischen Manaus im Amazonas, wo Tag für Tag Regenwald vernichtet wird. Genauso wie in Indonesien, Malaysia oder Myanmar. "Etwa 25 Prozent der weltweiten Treibhausgase stammen aus der Entwaldung, also etwa genauso viel wie der größte Treibhaussünder, die USA, ausstößt", weiß Pötter aus dem Bericht des Weltklimarats. Nun ist es Aufgabe der Brasilianer, ihren Regenwald vor der Säge zu retten. Wenn es sein muss, auch mit schusssicheren Westen und gepanzerten Trucks, wie Pötter vor Ort erlebt, da es bei Aktionen von Greenpeace-Aktivisten immer wieder zu Konfrontationen mit Waldarbeitern kommt.
Friedlicher geht es da am nördlichsten Punkt Deutschlands zu, auf Sylt, wo Pötter ein besonderes Opfer des Klimawandels aufsucht. Was gar nicht mehr so einfach ist, weil nur noch vereinzelt zu sehen: die Miesmuschel, "die noch bis vor fünf Jahren den Strand dominierte". Die Hauptnahrung der Eiderenten und Austernfischer wurde zunehmend verdrängt von der Pazifischen Auster, die sich aufgrund des wärmer werdenden Wattenmeers dort breit macht, "in Klumpen groß wie Handbälle, schwer und kompakt wie Steine, scharfkantig wie Messer". Barfuß im Watt zu laufen, sei nun vorbei, sagt Küstenforscher Karsten Reise, mit dem Pötter auf der Nordseeinsel plaudert.
Für eine Wattwanderung hat der rasende Klimareporter auch gar keine Zeit, muss er doch noch aus dem Konsumparadies Dubai am Persischen Golf berichten, wie auch aus Bangladesh, wo das neue Phänomen der Klimaflüchtlinge am dramatischsten zu Tage tritt. Atemlos ist man dann am Ende seines Buches angelangt - und muss schon wieder weiterlesen. Denn Pötter gibt zum Schluss seiner 26 Reportagen keine Ratschläge, sondern empfiehlt kurzerhand weitere Literatur.
von Tim Bartels
Bernhard Pötter: Tatort Klimawandel. 264 S. 19,90 € oekom Verlag München 2008.
www.oekom.de
Klimaforscher haben festgestellt
1. Dass sich das Klimasystem verschiebt, wenn die chemische Zusammensetzung der Atmosphäre sich verändert. Etwa durch einen höheren CO2-Anteil. Die Folge: Die Temperatur steigt im globalen Durchschnitt. Das bedeutet aber nicht, dass es keine Winter mehr gibt, wohl aber nimmt die Wahrscheinlichkeit für kalte Winter damit ab.
2. Dass der vom Menschen verursachte CO2-Ausstoß zwar im Vergleich zu jenem der Natur klein ist, aber nichtsdestotrotz die CO2-Bilanz der Atmosphäre durcheinander bringt. Das CO2, das auf natürlichem Weg durch Atmung, Gärung und Verwesung entsteht, wird auch wieder auf natürlichem Weg gebunden: eingelagert in Holz oder gespeichert im Meer oder im Boden. Die Verbrennung von Kohle, Gas und Öl dagegen setzt CO2, das über Jahrmillionen in der Erde gelagert wurde, aus solchen Speichern frei und gelangt in die Atmosphäre.
3. Dass das Festlandeis auf Grönland abschmilzt und den Meeresspiegel ansteigen lässt. Das beunruhigt Wissenschaftler, weil es schneller geschieht, als selbst Computermodelle mit pessimistischsten Grundannahmen vorhersagen.
4. Dass das wärmere Klima lokale Vorzüge mit sich bringt. Längere Vegetationsperioden, weniger Heizbedarf im Winter, bessere Aussichten für den Tourismus an Nord- und Ostsee. Diese Vorteile beschränken sich aber auf Länder in höheren Breiten. Schon die Mittelmeerregion hat bedrohliche Hitze und Wasserknappheit zu erwarten - von anderen Trockengebieten auf der Erde ganz zu schweigen.
5. Dass Wolken die großen Unbekannten sind. Allerdings wissen die Forscher mittlerweile relativ genau, dass Wolken die Erde beim gegenwärtigen Klima stärker durch Verschattung abkühlen als aufheizen, indem sie die Wärme halten. In der Summe vermindern sie die Strahlungsenergie pro Quadratmeter Erdoberfläche um etwa zwanzig Watt. Zum Vergleich: Etwa 2,4 Watt fügt der Treibhauseffekt der globalen Strahlungsbilanz bisher hinzu. Um diesen Effekt zu kompensieren, müsste also die globale Bewölkung um mehr als zehn Prozent zunehmen.
> Mit zwölf Halbwahrheiten und Klimamythen räumt Autor Bernhard Pötter auf unter
www.geo.de/GEO/natur/oekologie/55672.html
