Deutsch-deutscher Radweg
Der Europaabgeordnete Michael Cramer hat einen Traum: ein durchgehender Radweg entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs: von Finnland bis Griechenland. Bislang gibt es aber nur einen deutsch-deutschen Radweg. Cramer hat dazu einen Radreiseführer geschrieben. Die Pionierarbeit aber hat Klaus Buchin geleistet, dokumentiert in seinen beiden Radwanderführern am Grünen Band. Ein Erlebnisbericht.
Räätsch, räätsch. Der laute Ruf eines Eichelhähers begleitet das eintönige Gemurmel des Tretlagers. Kilometerlang geht es durch eine Kiefernwaldschneise. Inmitten des Grüns weist eine graue Spur den Weg. Auf den löchrigen und überwachsenen Betonplatten radelt es sich zwar etwas holprig, hin und wieder ist gar Schieben angesagt. Doch der Kolonnenweg, auf dem einst DDR-Grenzer in ihren Kübeltrabis patrouillierten, ist das untrügliche Zeichen dafür, auf der richtigen Fährte zu sein: der ehemaligen innerdeutschen Demarkationslinie so nah wie möglich. "Nie wieder geteilt", verheißt die Inschrift des Granitfindlings. Der Gedenkstein markiert den Startpunkt einer außergewöhnlichen Radtour: von Ostsee über Harz und Thüringer Schiefergebirge bis zum Dreiländereck Sachsen, Bayern und Böhmen – rund 1 400 Kilometer auf dem Drahtesel.
Perlenkette wertvollster Biotope
Klaus Buchin hat es vorgemacht. Seit der Wende ist der 66-jährige fast jedes Jahr mit dem Fahrrad unterwegs und fahndet nach dem gangbarsten Weg auf dem Grünen Band. So haben Naturschützer den ehemaligen Todesstreifen getauft, weil sich hier auf fünf Kilometer Breite, der damaligen Sperrzone, die Natur beinahe frei von Menschenhand entwickeln konnte. Kartiererteams des BUND haben mehr als hundert verschiedene Naturräume ausgemacht: eine Perlenkette wertvollster Biotope.
Buchin kennt sie alle. Der Naturfreund hat jeden Knick und Winkel des früheren Eisernen Vorhangs erkundet. Ergebnis seiner Kärrnerarbeit sind zwei Radwanderführer, in denen Buchin die interessantesten Pfade am Grünen Band beschreibt. Blättert man sich durch das Kartenwerk, will man es dem Autoren sofort nachtun: Mit dem Routenplan am Lenker geht es zunächst vom weißen Strand der Lübecker Bucht südwärts durch die Wakenitzniederung. Ein grün schimmernder Sandlaufkäfer kreuzt den Weg. Und schon nach wenigen Kilometern taucht ein seltener Vogel auf: Ein Neuntöter sitzt auf einer Oberlandleitung und schaut dem Radler beim Strampeln zu. Häufige Begleiter sind auch Goldammern und Bachstelzen.
Viel mehr Vögel kann man an der Seenkette von Nordwestmecklenburg beobachten. Mitten durch den Schaalsee verlief die Trennlinie zwischen Ost und West. Das östliche Ufer des gesperrten Grenzgewässers wurde zum stillen Refugium vieler Tiere. Vor allem die scheuen Kraniche brüten hier zu Hunderten. Vom besonderen Schicksal dieser Region berichtet Buchin: "Die ehemalige preußisch-mecklenburgische Grenze verlief östlich des Schaalsees, und so hätten nach dem Londoner Protokoll Orte wie Bernstorf, Lassahn oder Techin nach Kriegsende zur britischen Besatzungszone und damit später zu Schleswig-Holstein gehören müssen." Doch da die Briten kein Interesse an dem Gebiet hatten, tauschten sie die Gegend gegen eine andere.
Was einerseits im Schatten der Grenzanlagen prächtige Lebensbedingungen für Fauna und Flora waren und heute noch sind, wurde auf der anderen Seite für die Menschen zum schweren Los. Und darauf will Buchin auch hinweisen. Besonderes Augenmerk richtet er auf die so genannten Wüstungen, grenznahe Dörfer, die zwangsentsiedelt wurden und schließlich gänzlich dem Erdboden gleichgemacht. Beispiel Neuhof, östlich des Ratzeburger Sees: 1958 hatte das Dorf noch 140 Einwohner. Zwischen 1975 und 1977 hat man die Menschen dort umgesiedelt und Neuhof abgerissen. Hätte Klaus Buchin die rund 30 "geschliffenen" Orte in seinen Karten nicht kenntlich gemacht, führe man ahnungslos dran vorbei. Denn nur selten stößt der Radwanderer auf ein Denk- oder Mahnmal. Schaut man genauer hin, finden sich aber tatsächlich noch zugewachsene Mauerreste eines Hauses oder steinerne Fundamente. Bittere Ironie: Noch heute sind vielen dieser Geisterorte Postleitzahlen zugewiesen.
Grenzgeschichten
Der Familie Grollmuß ist das reichlich egal, zumal ihre Heimat Schlagsdorf nie auf preußischer Seite oder gar zur Disposition stand. In dem mecklenburgischen Ort nördlich von Ratzeburg wohnen Grollmuß schon ewig und bieten, seitdem die Töchter aus dem Haus sind, Radtouristen eine Bettstatt an – und erzählen am Frühstückstisch gern Grenzgeschichten. Herr Grollmuß erinnert sich an den Stacheldrahtzaun, der quer durch den nahegelegenen Mechower See verlief. In das Gewässer sei einmal ein kleines Flugzeug gestürzt, sagt Grollmuß. Die Wrackteile liegen heute noch am Grund des Sees. Solcherart Erinnerungen kann zu hören bekommen, wer der Anonymität in Hotels eine private Unterkunft vorzieht. Buchin hat viele Quartiere entlang der Strecke aufgespürt und in einer Adressenliste gesammelt. Um dem sanften Tourismus im einstigen Zonenrandgebiet auf die Sprünge zu helfen.
Neben dem Erhalt der naturbelassenen Flächen geht es ihm aber auch darum, ein "ökologisches Denkmal der jüngsten deutschen Geschichte" zu setzen. Buchin hat deshalb noch einen weiteren Projektnamen kreiert, den des "Lebensstreifens".
Allzu lebendig geht es auf dem Brocken zu. Tausende von Touristen lassen sich hier täglich mit der Dampflok auf den höchsten Gipfel des Harzes chauffieren. Angesichts der Menschenmassen erleidet der Pedaleur, der nach zehn Tagen entspannter Fahrt in menschenleerer Natur und Ruhe die Bergspitze erklommen hat, schier einen Kulturschock. Doch es kann gleich weiter gehen. Schließlich ist im Harz erst die Hälfte geschafft. Von nun an geht es südwärts bis zum Biosphärenreservat Rhön, und dann immer weiter gen Osten über das Thüringer Schiefergebirge, durch den Frankenwald bis ins Vogtland.
von Tim Bartels
> Klaus Buchin: Radwanderweg Am Grünen Band, Teil 1: Von der Ostsee bis zum Harz (vergriffen); Teil 2: Vom Harz bis ins Vogtland (13,80 Euro) zu bestellen unter
www.lebensstreifen.de
> Michael Cramer: Deutsch-Deutscher Radweg – Bikeline-Radtourenbuch mit Karten 1:75 000 (11,90 Euro), 2007 Verlag Esterbauer, vertrieb@esterbauer.com,
www.esterbauer.com
