Es ist zwecklos, einen über die Maßen bedrohten Vogel noch retten zu wollen, indem man ihn zum Vogel des Jahres macht – quasi fünf vor zwölf. Das meint der Vizepräsident des Naturschutzbund (NABU), Helmut Opitz, und revolutionierte vor einigen Jahren gemeinsam mit dem Landesbund für Vogelschutz (LBV) die Botschaft der 1971 begründeten Wahl: Die ausgezeichnete Art soll nun noch zu erleben sein, vorzeigbar, auf dass man sich ihrer auch bewusst werde. Zudem muss man, will man einen Vogel schützen, zeitig darauf hinweisen, wenn sich ein Rückzug abzeichnet. All das sind Merkmale, die nun auf einen Vogel zutreffen, der in der Stadt wie auf dem Land lebt: auf den Turmfalken nämlich, den der NABU und der LBV zum Vogel des Jahres 2007 gewählt haben.

 

Die wissenschaftliche und lateinische Artbezeichnung des Turmfalken lautet Falco tinnunculus und weist auf den "kikikikiki" klingenden oder "ti, ti, ti, ti" schellenden Ruf des Tieres hin. Neben der deutschen Bezeichnung Turmfalke, der darauf abzielt, dass dieser Greifvogel auch menschliche Bauwerke als Brutplatz nutzt und dabei bevorzugt in den obersten Regionen nistet, ist noch der Name Rüttelfalke gebräuchlich – und das ist ein Hinweis auf seine besondere Flugtechnik beim Ausspähen von Beutetieren: dem so genannten Rüttelflug. Dabei schlägt der Turmfalke sehr schnell mit seinen Flügeln, er rüttelt, ohne sich fortzubewegen: Der Greifvogel steht also quasi in der Luft. Sein Schwanz ist dann meist fächerförmig ausgebreitet. Hat er aus dieser, auch Standschwebeflug genannten Haltung in bis zu zwanzig Metern Höhe eine Feldmaus entdeckt, stößt er flugs herab und greift sich sein Opfer. Sind Mäuse rar, erbeutet der Turmfalke im schnellen Sturzflug auch kleinere Vögel wie Spatzen und Stare. Denn zwischen den Häuserschluchten findet er seine Hauptmahlzeit, die Mäuse, nicht sehr häufig. Viele Turmfalken sind deshalb Pendler: Sie wohnen in der Stadt und "arbeiten" auf dem freien Feld. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Tiere eine Entfernung von bis zu fünf Kilometern in Kauf nehmen, um zu ihren Jagdplätzen zu kommen. Manche in Großstädten brütende Falken sparen sich aber auch den weiten Weg und stellen sich auf Vogeljagd um. Der Turmfalke zählt als ursprünglicher Felsbewohner zu den Nutznießern der Urbanisierung. Türme, Hochhäuser und Scheunen haben ihm einen zusätzlichen Lebensraum eröffnet. Da er auch Waldränder besiedeln kann, ist Falco tinnunculus in Europa mit 350  000  Brutpaaren relativ häufig anzutreffen. Im gesamten Bundesgebiet leben immerhin 50  000  Paare. Damit ist der Turmfalke sicherlich keine gefährdete Art und bislang, anders als sein Vetter, der Wanderfalke, auch noch auf keiner Roten Liste aufgetaucht. Doch mittlerweile vermelden Bundesländer wie Baden-Württemberg, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen Bestandsrückgänge. "In den vergangenen 30  Jahren hat der Turmfalkenbestand in Hamburg um mehr als 20  Prozent abgenommen", sagt Stephan Zirpel. Der Geschäftsführer des NABU Hamburg findet den Arealverlust des Turmfalken im Zentrum besonders auffällig. Und in Baden-Württemberg ist die Zahl der Brutpaare gar um mehr als die Hälfte zurückgegangen. Mögliche Gründe: Freie Flächen an den Stadt- und Dorfrändern würden durch Straßen und Neubauten versiegelt, heißt es beim NABU. Nistmöglichkeiten in Mauernischen sind vor allem an alten Bauwerken zu finden. Diese werden jedoch zunehmend saniert. Moderne Hochhausbauten weisen meist zu wenig Mauerlöcher und Höhlungen auf, um dem Turmfalken als Nest zu dienen. Entsprechend brüten beispielsweise in Berlin mittlerweile etwa 60  Prozent der zwischen 200 und 300 Brutpaare in gezielt für sie installierten Nisthilfen in öffentlichen Gebäuden wie Kirchen, Schulen oder Rathäusern.

von Tim Bartels

Die Broschüre zum Jahresvogel 2007 erhalten Sie für fünf Briefmarken zu je 55 Cent bei: NABU Natur-Shop Am Eisenwerk 13, D-30519 Hannover, externer Hyperlink in neuem Fenster öffnen www.nabu-natur-shop.de

Im Internet ist der Turmfalke zu finden unter externer Hyperlink in neuem Fenster öffnen www.Vogel-des-Jahres.de