Die Mauersegler haben uns schon Anfang August wieder verlassen, andere Zugvögel wie die Kraniche sammeln sich erst jetzt zu Tausenden, um demnächst ihren Weg in wärmere Gefilde anzutreten. Nonstop überfliegen die Nomaden der Lüfte dann, je nach dem woher sie kommen, den Golf von Mexiko, das Mittelmeer, die Sahara oder auch den Himalaya – und finden schließlich im Süden aufs Papyrusdickicht genau denselben Überwinterungsplatz wieder, den sie schon in vergangenen Jahren aufgesucht haben. Unglaublich, aber wahr.

 "Vogelzug ist ein Phänomen der absoluten Superlative", sagt der Ornithologe Peter Berthold und begründet damit gleich zu Beginn seines mitreißenden Hörbuchs, warum es "grundsätzlich große Freude" bereitet, darüber zu reden. Man lässt sich von der Begeisterung des Vogelexperten tatsächlich anstecken und hört ihm fasziniert dabei zu, wie er den enormen Flugleistungen der Singvögel auf den Grund geht. Neben einer neuen Theorie des Vogelzugs und den Folgen der Klimaerwärmung auf die nomadische Lebensweise mancher Vögel beantwortet Berthold sieben Fragen der Vogelzugforschung:

 

Woher weiß der Vogel …

 

1. ... ob er ziehen soll?

Der Zugtrieb ist ihm angeboren.

 

2. ... wann er aufbrechen soll?

Das ist ebenfalls genetisch bestimmt. Je früher ein Vogel aufbricht, um so weiter entfernt liegt sein Reiseziel. Beispielsweise zieht ein Gartenrotschwanz schon im August los, weil er ins ferne Zentralafrika muss, während sein naher Verwandter, der Hausrotschwanz, erst im November aufbricht. Sein Winterquartier bedindet sich nämlich am sehr viel näher gelegenen Mittelmeer.

 

3. ... wohin er wandern soll?

Auch das steht in den Genen. Selbst kleine Winkelbeträge, die notwendig sind, um die Richtung während des Zuges zu ändern, sind im Erbgut des Vogels programmiert.

 

4. ... wann seine Reise beendet ist?

Auch ohne Erfahrungen ihrer Eltern, ohne Vorflieger oder Führer sind die Vögel in der Lage, ihr ureigenes Winterquartier zu finden. Jungvögel ziehen meist vor den älteren Artgenossen. Sie wissen also selbst, wann die Reise zu Ende ist. Beweis: Der Kuckuck kennt seine Zugstrecke ganz genau, obwohl seine Jungen von anderen Vögeln aufgezogen werden, etwa von sesshaften Zaunkönigen oder von Rotkehlchen, die bloß ans Mittelmeer ziehen, oder auch von Sumpfrohrsängern, die in den afrikanischen Krügernationalpark wandern. Doch das ist dem Kuckuck völlig schnuppe. Weil er die richtigen Gene für die Richtung, den Aufbruchszeitpunkt und die Strecke nach Zentralafrika geerbt hat. Den Zugvögeln wohnt also zusätzlich ein Zeitprogramm inne, das exakt die Dauer der Zugaktivität bestimmt.

 

5. Wie bereiten sich Zugvögel vor?

Ein paar Wochen vor der Abreise nimmt das Tier sehr viel mehr Nahrung auf, frisst dann z.B. nicht nur Insekten, sondern zusätzlich auch zuckerhaltige Beeren, mit denen der Zugvogel Fettdepots aufbaut, die zur Verdoppelung des Körpergewichts führen. Seine Wunderdroge, sein Treibstoff für den Flug ist also das Fett, das er sich angefressen hat. Bei dessen Verbrennung entsteht körpereigenes Wasser, das die Austrocknung des Vogels verhindert – seine Trinkflasche für die Reise, wie Berthold sagt.

 

6. Wer wird Zugvogel, wer Standvogel?

Typischer Fall: Amseln sind klassische Teilzieher, meint: etwa die Hälfte der Individuen zieht weg, die andere Hälfte bleibt im angestammten Brutgebiet Sie können sogar aus demselben Nest stammen, und dennoch zieht es den einen in den Süden, während das Geschwisterchen daheim bleibt. Die Schwachen bleiben, die Starken ziehen? So einfach ist das nicht. Denn auch hier spielt die Vererbung wieder die entscheidende Rolle, je nach dem welche Gene der Nachwuchs vom Vater, welche von der Mutter mitbekommen hat.

 

7. Wie variabel sind Zugvögel?

Können Zugvögel, die Generation für Generation in den Süden fliegen, plötzlich auch zu Standvögeln mutieren, wenn sich die Umweltbedingungen verändern? Sie können. Wenn sich das Klima in dem Tempo weiter erwärmt wie bisher, sagt Berthold, kann sich eine Population aus Langstreckenziehern binnen 15 Jahren zu Kurzwanderern und jene zu Standvögeln wandeln. Und das passiert auch schon, berichtet der Vogelforscher: In Bonn etwa bleiben Hunderte von Amseln sitzen, die vor einem halben Jahrhundert noch gezogen seien. In Portugal kann man Mehlschwalben beobachten, die nicht mehr über die Sahara hinwegziehen, sondern im Mittelmeerraum bleiben. Selbst in Irland überwintern mittlerweile Mönchgrasmücken. Der Himmel über Europa wird also bunter, weil artenreicher – doch leider nicht vogelreicher, schlägt Berthold Alarm. Denn seinen Zählungen zufolge nimmt die Zahl der Singvogelindividuen jedes Jahr um ein Prozent ab. Warum das so ist, bleibt vorerst aber noch ein Geheimnis der Zugvögel.

 

externer Hyperlink in neuem Fenster öffnen von Tim Bartels

 

Peter Berthold: Faszination Vogelzug, 2-CD-Set, 130 min, 24,80 Euro, ISBN 3-932513-58-4, Verlag supposé, Kleiner Griechenmarkt 28-30, D-50676 Köln Fon 0221/6607906, Fax 0221/6607907 kontakt@suppose.de, www.suppose.de