Das papierlose Büro ist und bleibt eine Illusion – trotz (und wegen) elektronischer Datenverarbeitung. Wir lesen weiterhin lieber auf Papier, weil wir die Informationen darauf besser „begreifen“. Darum drucken wir E-Mails wie auch Internetseiten erst einmal aus. Das gibt uns ein Gefühl der Sicherheit. Digitale Daten sind uns nicht geheuer. Deshalb archivieren wir neben elektronischen Speichern auch weiterhin in dicken, geduldigen Leitz-Ordnern. Unser Hunger nach Papier ist nach wie vor gewaltig.
Der Papierverbrauch hat sich in Deutschland seit 1950 verzwölffacht. Jeder verwendet durchschnittlich 230 kg Papier im Jahr – das entspricht pro Tag dem Material eines Harry-Potter-Bandes. Wertvoller Wald wird dafür abgeholzt, pro Jahr nimmt dessen Fläche um rund 15 Millionen Hektar ab, also etwa um das doppelte Areal von Bayern. Zwischen 14 und 20 Prozent des geernteten Holzes wird für die Papierherstellung verwendet. Wie lassen sich trotz weltweit zunehmenden Bedarfs die Umweltauswirkungen minimieren und wertvolle Ressourcen schonen? Antwort: mit Recyclingpapier.
Recyclingpapier wird zu 100 Prozent aus Altpapier hergestellt. Dessen Druckfarben werden durch das so genannte De-Inking-Verfahren entfernt. Dabei wird der graue Altpapierbrei mit Hilfe verschiedener Chemikalien gewaschen und die herausgelösten Farbpartikel anschließend abgesaugt. Meistens wird das Papier noch mit Sauerstoff gebleicht, um es optisch aufzuhellen. Recyclingpapier gibt es je nach Bleichverfahren mit einem Weißegrad von bis zu 90 Prozent.
Konventionelles Papier wird aus den Zellulosefasern des Holzes gewonnen. Dabei wird die Zellulose durch chemische Hilfsmittel von den restlichen Holzbestandteilen getrennt. Deswegen wird Zellstoffpapier als „holzfrei“ bezeichnet, wovon sich viele Verbraucher täuschen lassen. Wann immer Papier als "holzfrei weiß" gekennzeichnet ist, besteht es nämlich zu hundert Prozent aus Holz. Solches Papier ist alles andere als umweltfreundlich. Den irreführenden Begriff nutzen Fachleute in Abgrenzung zu „holzhaltigem“ Papier. Dieses entsteht, wenn Holz als Ganzes geschliffen und der entstehende Brei quasi zu Bierdeckel oder Löschpapier verpresst wird. Ihr Vorteil, saugfähig zu sein, ist bei Schreib- und Druckpapieren nicht erwünscht. Will man tintenfestes Papier erzeugen, genügt der mechanische Faseraufschluss nicht. Dann muss ein chemischer Kochvorgang her. Gelingt es, die Zellulose zu isolieren, gibt sie prima Papierfasern ab – bei Nadelbäumen längere als bei Laubbäumen. Umgeben ist die Zellulose von den Holzstoffen Lignin und Hemizellulose. Sie machen etwas mehr als die Hälfte des Holzes aus. Wird es komplett zu Holzschliff zerrieben, so liegt die Papierausbeute bei fast 100 Prozent. Das Produkt - holzhaltiges Papier, weil: inklusive Holzstoff – ist saugfähig und neigt wegen des Lignins zum Vergilben. Was beim Bierdeckel wünschenswert oder zumindest nicht stört, mindert beim Kopierpapier die Qualität: also weg mit den Holzstoffen. Dazu wird das Holz gehäckselt und so lange gekocht, bis sich Lignin und Hemizellulose von den Zellulosefasern trennen. Der Ausschuss liegt jetzt bei mehr als 50 Prozent. Das Produkt ist fast reiner Zellstoff. Braun ist dieser Faserbrei wegen der Ligninreste. Diese werden durch Bleiche entfernt, so dass man Zellstoff für „holzfrei weißes Papier“ erhält, sei es Schulheft oder Kopierpapier. Ungebleichter brauner Faserbrei gibt Kaffeefilter und Einkaufstüten ab. Ob weiß oder braun: Alle „holzfreien“ Papiere sind garantiert aus Bäumen hergestellt.
Halten Sie dagegen eine Tageszeitung in Händen, besteht die meist aus Recyclingpapier. Altpapier ist für die deutsche Papierindustrie der wichtigste Rohstoff - und macht 65 Prozent aus. Doch trotz der guten Quote steht nicht alles zum Besten. Im Büro werden nur knapp 23 Prozent Altfasern eingesetzt, in Schulen weniger als 10 Prozent. Auf Recyclingpapier zu kopieren, zu drucken oder zu schreiben, bereitet offenbar immer noch Unbehagen. Zu Unrecht. Recyclingpapiere lassen sich an Kopierern und Druckern völlig problemlos verarbeiten. Negative Erfahrungen liegen etliche Jahre zurück. Mittlerweile wurden Papier und Geräte optimiert. Eine Norm legt strenge Kriterien fest, die Papier erfüllen muss, um sich alterungsbeständig nennen zu dürfen.
Recyclingpapiere mit dem Blauen Engel erfüllen diese hohen Anforderungen. Bei sachgemäßer Lagerung erreichen sie eine Lebensdauer von einigen hundert Jahren.
Stiftung Warentest prüfte bereits 1995 die Qualität von neun verschiedenen Recyclingpapieren. Alle wurden mit dem Gesamturteil „gut“ ausgezeichnet.
Ist Toilettenpapier aus Recyclingpapier hygienisch? Ja. Bei der Herstellung von Recyclingpapier werden alle noch bestehenden Keime und Bakterien bei einer Hitze von 100°C unschädlich gemacht. Das anschließende De-inking-Verfahren saugt alle Farbpartikel aus dem Altpapierbrei ab. Zu folgendem Ergebnis kam das Magazin Öko-Test: Keines der 42 getesteten Toilettenpapiere enthielt bedenkliche Duftstoffe, Azo-Farbstoffe oder halogenorganische Verbindungen. Empfehlenswert waren 14 Produkte, wovon 13 aus Recyclingpapier stammten.
Ist Recyclingpapier teurer? Es ist in der Regel günstiger als vergleichbares Frischfaserpapier, da bei der Produktion auf die teure Zellstoffgewinnung verzichtet werden kann. Über längere Zeiträume betrachtet galt bisher die Faustformel: Bei Recyclingpapier lassen sich gegenüber Primärfaserpapier ca. 10 Prozent sparen. Allerdings zahlt der Kleinkunde für Recyclingpapier häufig genauso viel wie für Primärfaserpapier, da die Nachfrage nach Recyclingpapier geringer ist. Das könnten Sie möglicherweise von nun an ändern.
Weitere Infos gibt der Kritische Papierbericht 2005 unter
www.treffpunkt-recyclingpapier.de/initiative/mitteilungen/mitteilung-pdf/20050608_Papier_m.Aufruf.pdf
Weitere Fragen zum Recyclingpapier beantworten Ihnen die Websites
www.treffpunkt-recyclingpapier.de und
www.initiative-papier.de
