UNEP-Umweltatlas
Wenn Klaus Töpfer und seine Mitarbeiter im Umweltprogramm der Vereinten Nationen UNEP ihr neuestes Projekt Ein Planet, viele Menschen vorstellen, erinnern sie sich noch an die Anfänge der Umweltbewegung. In den 1960er Jahren brachten die ersten Astro- und Kosmonauten faszinierende Bilder aus dem Weltraum mit. Wie Schuppen fiel es nachdenklichen Wissenschaftlern beim Betrachten dieser Aufnahmen von den Augen: Der Planet Erde schwebt wie eine lebensfreundliche Insel inmitten eines rabenschwarzen und völlig lebensfeindlichen Weltraums. Die Bilder aus der Umlaufbahn zeigen überdeutlich, wie dünn und verletzlich diese Hülle um die Erde ist, ohne die vom Bakterium und Regenwurm im Boden über den Kaktus und den Urwaldriesen bis hin zum Adler und zum Menschen kein Leben möglich wäre. Bilder aus dem Weltall waren die Initialzündung für die Umweltbewegungen.
Krebsgeschwür Las Vegas
Menschen, Regierungen und vor allen die Städte der Erde sehen inzwischen auf solchen Bildern sehr direkt, wie sie diese dünne Hülle des Lebens zunehmend malträtieren. In einem Atlas stellt die UNEP dazu Bilder der vergangenen Jahrzehnte neueren Aufnahmen gegenüber. Selbst Laien entdecken dort auf den ersten Blick, wie zum Beispiel die US-Großstadt Las Vegas ähnlich einem Krebsgeschwür in die Wüste hinein wuchert. Das Großstadt-Duo Miami und Fort Lauderdale in Florida verschlingt das Farmland der Umgebung regelrecht und scheint die weltweit einmaligen, als Nationalpark geschützten Everglades-Sümpfe bald zu erreichen.
Solche Bilder machen nachdenklich. Das ging auch den Kommunal- und Regionalpolitikern so, die sich zum Weltumwelttag 2005 in San Francisco getroffen hatten. Dort unterzeichneten die Bürgermeister von mehr als sechzig Städten auf verschiedenen Kontinenten eine Grüne-Städte-Deklaration. In den sieben Bereichen Energie, Verringerung des Mülls, Siedlungsbau, Natur in der Stadt, Verkehr und Transport, Umweltgesundheit und Wasser sollen ihre Kommunen nachhaltiger wirtschaften und gleichzeitig die Lebensqualität der Menschen steigern. Der republikanische Gouverneur und Gastgeber Arnold Schwarzenegger will da nicht nachstehen und verkündet, Kalifornien werde bis zum Jahr 2020 seinen Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid auf das Niveau des Jahres 1990 zurückschrauben. Damit düpiert er seinen Parteifreund und US-Präsidenten George W. Bush, der von solchen Klimaschutzmaßnahmen eher wenig hält. Die Satellitenbilder der UNEP lösen anscheinend wirklich ein Umdenken aus.Eindrucksvoll zeigen die Aufnahmen, wie die Gletscher in den Gebirgen des Globus sich zurückziehen und selbst große Gewässer wie das Tote Meer und der Aralsee vor den Augen des Beobachters zu gigantischen Salzpfannen vertrocknen. Erneut tragen die Städte des Globus und ihre Bewohner stark zu solchen Entwicklungen bei. So fließt aus den Wasserhähnen der Schwabenmetropole Stuttgart Wasser, das ursprünglich meist vom Bodensee stammt; auf deutschen Tischen liegen Südfrüchte aus Spanien oder Israel. Die Anbaugebiete entdeckt man auf den Satellitenaufnahmen sofort: Waren unbewässerte Felder für die Region um die spanische Stadt Almeria 1974 noch typisch, spiegelt sich heute dort auf den Satellitenbildern die Sonne im Glas unzähliger Gewächshäuser. Unter extrem hohen Wasserverbrauch wachsen dort Südfrüchte für die Metropolen der Europäischen Union. Indirekt verbrauchen Städte so das Wasser weit entfernter Regionen. Sechzig Prozent der Weltbevölkerung wird 2030 in Städten wohnen, schätzt die UNEP. Diese Städter heizen, kochen, brennen Licht und lassen diverse Maschinen und Apparate laufen, die jeweils Energie schlucken, die meist in Form von Holz, Kohle, Öl oder Gas verfeuert wird. Das Problem Treibhausgas-Freisetzung und Klimaerwärmung entsteht daher vor allem in Städten, die mit ihren Müllhalden die Umgebung noch zusätzlich belasten.
Satellitenbilder liefern Argumente
Werden Umweltsünden mit solchen Satellitenbildern den Verantwortlichen vor Augen geführt, reagieren sie meist. Das funktioniert gar in Ländern, die nicht gerade zu den grünen Vorreitern gehören. In Albanien präsentierte 1999 der Abgeordnete Gjiknuri seinen Kollegen Bilder, auf denen die Grenze zwischen Albanien und Mazedonien als Zickzacklinie ins Auge stach: Während in Mazedonien Wälder die Grenze säumen, haben Brennholzsucher aus albanischen Städten ihre Seite der Grenze nahezu komplett abgeholzt. Die Parlamentarier richteten prompt einen Nationalpark ein, der mit den letzten Waldresten auch die Heimat der letzten Wölfe und Bären schützt. Die Satelliten-Technologie liefert überzeugende Argumente.
von Roland Knauer
> In Auszügen gibt es den Atlas kostenlos unter
www.na.unep.net/OnePlanetManyPeople
> UNEP: One Planet, Many People - Atlas of Our Changing Environment, Nairobi 2005, 332 S. 150 US-Dollar, ISBN 92 807 2571 8
