Planet der Rinder

 

Es gibt zu viele Rindviecher auf dieser Welt. 1,5 Milliarden der Steaklieferanten trampeln auf der Erde herum. "Ihnen gehört das meiste Land", schreibt Josef H. Reichholf in seinem Buch Der Tanz um das goldene Kalb. Darin geißelt der Münchner Zoologieprofessor die intensive Landwirtschaft als Hauptverursacher des Artenschwunds, regional wie auch weltweit. Denn die Massentierhaltung hierzulande trägt mit dazu bei, dass der tropische Regenwald vernicht wird.

 

Der Tierbestand eines Landes ist nämlich weitgehend unabhängig geworden von Größe und Produktivität seiner Fläche. Hierzulande übertrifft das Lebendgewicht der mehr als 15 Millionen Rinder, knapp 24 Millionen Schweinen und zweieinhalb Millionen Schafe die Masse der Bevölkerung um etwa das Fünffache. Freilich wird diese hohe Anzahl an Tieren nicht allein mit dem Futter des heimischen Anbaus satt. Acker- und Weideland sind viel zu klein dafür. Deutschland muss daher in gewaltigen Mengen Futtermittel importieren - etwa aus Brasilien. Dort wurde zwischen 1990 und 1995 ein Tropenwaldgebiet von der Fläche Hessens, Baden-Württembergs und Bayerns zusammen brandgerodet und abgeholzt, insgesamt 128 000 Quadratkilometer - das ist mehr, als Deutschland an Waldfläche besitzt. Wird Tropenwald vernichtet, leidet darunter die Biodiversität. Denn dort ist die Artenvielfalt am höchsten. Nicht nur Reichholf zweifelt daran, "ob Brasilien tatsächlich dem Urwald so viel neues Land abringen musste, um Raum für die wachsende Bevölkerung zu schaffen". Der eigentliche Grund: Das Land wandelt immer mehr Tropenwald in Weiden und Anbaufläche für Futtermittel um. Das weltweite Überangebot an Rindfleisch zwingt Brasilien, Argentinien und Uruguay dazu, immer mehr "in die Fläche zu gehen". Ein Drittel der Rinder in deutschen Ställen wird aus Südamerika ernährt.

 

Deutschlands Landwirte halten aber nach Meinung Reichholfs nicht nur zu viel Vieh. Ein weiteres Umweltdilemma: Die Tiere scheiden große Mengen Gülle aus, reich an Nährstoffen wie Stickstoff, Phosphor und Kalium. Die Viehhaltung erzeugt drei Mal mehr Abwasser als Deutschlands Bevölkerung von sich gibt und in Kläranlagen landet. Das Abwasser aus den Ställen wird aber nicht gereinigt, sondern als Dünger auf die landwirtschaftlichen Flächen aufgebracht. Viel zu viel für den Ackerboden. Das Gros der Stoffe sickert daher ins Grundwasser ab oder läuft in Bäche und Flüsse. Darunter leidet schließlich die Trinkwassergüte.

 

So gebe es kaum ein Gebiet mit Massentierhaltung, moniert Reichholf, in dem das Grundwasser weniger als die erlaubten 50 Milligramm Nitrat pro Liter enthalte.

 

Der Düngerüberschuss hat auch dazu geführt, dass sich auf dem Land das Pflanzenspektrum und mit ihr auch die Tierwelt verändert haben. Eine gedüngte Wiese werde immer artenärmer sein, so Reichholf, "während eine magere durch Vielfalt an Blumen, Kräutern und anderen Pflanzen besticht. Über ihr fliegen dann auch Schmetterlinge, krabbeln Käfer, singen Grillen und hüpfen Heuschrecken, während das zu stark gedüngte Einheitsgrün der Fettwiesen einmal im Jahr Farbe anlegt; nämlich wenn der Löwenzahn in Massen blüht." Diese stickstoffliebende Pflanze verdrängt jene Arten, die nur auf mageren Böden mit wenig verfügbaren Mineralstoffen gedeihen. Darüber hinaus lasse das Nährstoffüberangebot die Vegetation zu dicht aufwachsen und verändere dort das Mikroklima in Richtung "kühl und feucht", schreibt Reichholf. Für den Biologen ist damit erklärt, warum wärmeliebende Schmetterlingsarten auf den Fluren kaum noch anzutreffen sind. Dafür gibt es sie in den Städten zu sehen, wo Grünflächen selten gedüngt werden. Der Münchner Professor zählte im Nymphenburger Park 380 verschiedene Schmetterlinge. Außerdem "ließ sich auch nicht überhören, dass das Vogelkonzert im Frühjahr und Frühsommer in München lauter und vielgestaltiger wurde, während es in meinem niederbayerischen Heimatdorf spärlich ausfiel". - Und noch eine Auswirkung der Massentierhaltung gibt der Wissenschaftler zu Bedenken: Weltweit immerhin anderthalb Milliarden Rinder atmen als Nebenprodukt ihrer komplizierten Wiederkäuermägen Methan aus. Dem Gas wird eine 20fach stärkere Treibhauswirkung als CO2 zugeschrieben. Methan wird zudem auch von Großtermiten produziert, die sich in den Tropen massenhaft ausbreiten, seitdem dort der Wald zunehmend der Rinderwirtschaft geopfert wird. Methan wies nach Angaben Reichholfs in den 80er und 90er Jahren eine fast doppelt so hohe Anstiegsrate pro Jahr auf wie das CO2. Letzteres ist also keineswegs der einzige Verursacher der Erwärmung.

 

Am Ende seines Buches empfiehlt der Autor, auf die Überproduktion von Rindfleisch im eigenen Land zu verzichten und Importe aus solchen Ländern zuzulassen, in denen "das Fleisch gleichsam auf der freien Weide wächst", etwa von Rin-dern, die auf den Böden der Pampas, Prärien und Steppen grasen. Für Reichholf, der übrigens kein Vegetarier ist, wäre das "ein wirklich bedeutsamer und nachhaltig wirksamer Beitrag zur Verminderung der CO2-Freisetzung".

von Tim Bartels

Josef H. Reichholf: Der Tanz um das goldene Kalb ÖP, Der Ökokolonialismus Europas, Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2004, ISBN 3803136156. Gebunden. 217 S. 19.50 Euro