Heilen mit Pflanzen zum Unheil der Pflanzen

Von Contergan bis Lipobay und Vioxx – die Schattenseiten der Pharmaindustrie verängstigen immer mehr Meschen, denen synthetische Arzneien gleichviel bedeuten wie reines Gift. Sie suchen ihr Heil daher in der chinesischem Medizin, Ayurveda oder althergebrachten Hausmitteln. Hauptsache auf rein pflanzlicher Basis. Reine Naturmedizin kann schließlich niemandem schaden, oder?

Schnell hat sich der Handel mit Medizinalpflanzen zu einem gigantischen Markt entwickelt. In den vergangenen zehn Jahren ist er in Nordamerika und Europa jährlich um zehn Prozent gewachsen, weltweit setzt er heute rund 16 Milliarden Euro um.

Doch weder die verarbeitenden Industrien, noch die vermeintlich umweltbewussteren Anwender pflanzlicher Präparate machen sich Gedanken über die Folgen. So stammt nur ein geringer Teil der Heilpflanzen aus Plantagen oder Gärten, gut 80 Prozent werden in freier Wildbahn gesammelt – und zwar intensiver als die Bestände aushalten. Von den rund 50 000 Heilpflanzenarten sind nach Angaben der Weltnaturschutzunion IUCN etwa 4 000 gefährdet.

Drastischere Schätzungen, wie sie im Wissenschaftsmagazin New Scientist veröffentlicht wurden, gehen sogar davon aus, dass bis zu 10 000 verschwinden könnten, werden sie weiter so abgegrast wie bisher.

Rote Liste in der Hausapotheke

Mehr als 400 000 Tonnen (t) Rohware verlangt das internationale Geschäft mit der sanften Medizin jedes Jahr. Mit einem durchschnittlichen Verbrauch von 45 000 t pro Jahr (a) im Wert von 90 Millionen Euro fungiert Deutschland dabei als der viertgrößte Importeur von Heilpflanzen weltweit und steht innerhalb der EU auf Platz 1 bei Handel und Verbrauch. Den größten Teil unseres Bedarfs decken ärmere Länder, allen voran China, der mit Abstand größte Exporteur, gefolgt von Indien mit jährlich 35 000 t Export und Staaten Südosteuropas wie Bulgarien und Albanien (8 000 bis 10 000 t/a). Mag die Verwertung als Arznei auch nicht der einzigen Grund für das Ableben einer Art sein – die Zerstörung des Lebensraums bleibt einer der wichtigen Gründe – so gibt sie angeschlagenen Spezies doch oft den Rest. Besonders bedroht sind nach Angaben der Organisation Plantlife Arten wie Tetu Lakha, ein Baum in den Regenwäldern Südindiens und Sri Lankas, der für europäische Krebsmittel geerntet wird, Costus bzw. Kusta, ein indisches Kraut, dessen Wurzel chronische Hauterkrankungen lindert, und die chinesische lilienartige Fritillaria cirrhosa, die gegen Atemwegsinfektionen eingesetzt wird. Ebenfalls höchst gefährdet sind die “alten Bekannten” Ginseng und Ginkgo biloba, von denen jährlich etwa 8 000 bzw. 2 000 t verkauft werden, mehr als ein Drittel davon allein in Deutschland.

Die Populationen der Afrikanischen Kirsche (Stinkholz) sind bereits zusammengebrochen, Prostatamittel aus ihrer Rinde wird es nicht mehr geben. Aufgrund der steigenden Nachfrage waren die Bäume zuletzt vollständig abgeschält worden.

Nicht nur exotische, auch heimische Pflanzen sind bereits unter der Gier nach Naturextrakten eingegangen: Geradezu beliebig abgeerntet, ist der Gelbe Enzian in Deutschland weitgehend verschwunden. Nicht besser ergeht es in ihren Verbreitungsgebieten derzeit der Arnika – allein Deutschland verarbeitet 50 t jährlich zu Wundmitteln und Massageölen – oder dem einst weit verbreiteten Adonisröschen in Rumänien und Bulgarien. Sogar ehemalige Allerweltsgewächse wie die Schlüsselblume, bei uns inzwischen unter Schutz gestellt, stehen andernorts, z.B. in der Türkei, vor dem Aus.

Sanfte Medizin zu Ende gedacht

Höchste Zeit also, Schutzmaßnahmen für Heilpflanzen zu ergreifen. Schon aus reinem Eigennutz, wartet doch auf viele auch noch der Einsatz in Kosmetika, Tees, Süßigkeiten, Spirituosen, Farbstoffen, Lacken und Waschmitteln. Zudem kommt es schlicht am billigsten, natürliche Rohstoffe aus vitalen Beständen zu entnehmen. Schon der ge-zielte Anbau von Medizinalpflanzen – sofern überhaupt technisch möglich – ist oft zu teuer, die chemische Synthese ihrer Inhaltsstoffe ohnehin. So kommt es, dass der internationale Heilpflanzenhandel sein Material zu weniger als fünf Prozent aus Zuchten bezieht. Und leider erwarten noch nicht einmal Naturschutzexperten von Plantagen einen wirksamen Schutz der Wildbestände: Der Ginseng wird zwar erfolgreich angebaut, doch das Plündern der Wildvorkommen geht weiter. Dem wilden Ginseng hängt eben ein Mythos an, den Händler in Asien mit Summen weit über dem Goldpreis zu bezahlen bereit sind.

Andererseits könnte das Kultivieren einer Pflanze die Wertschätzung ihrer natürlichen Vorkommen auch ruinieren und so den Anreiz nehmen, sie zu schützen. In beiden Fällen führt der gut gemeinte Anbau über kurz oder lang zu einer enormen genetischen Verarmung innerhalb einer Spezies, da die Wildsorten dem Genpool verloren gehen. In der Tat ist nicht das Sammeln in der Wildnis per se das Problem, sondern das Wie und Wieviel. Hier setzen die Erfolg versprechenden Bemühungen des Artenschutzes an: Gut ausgebildete Sammler sollen in die Lage versetzt werden, Pflanzen pfleglich zu bewirtschaften, anstatt sie nur auszurupfen, und dadurch ihr Kapital langfristig zu sichern. Der Handel und die Verarbeiter müssen sich bereit zeigen, einen fairen Preis für die gesuchte Ware zu zahlen. Auch wäre zu überlegen, einige Zollerleichterungen aus jüngster Zeit für bedrohte Arten genauer zu definieren. Zur Zeit werden nur für wenige Heil- und Aromapflanzen Handelsdaten artspezifisch erfasst, eine Kontrolle der Warenströme ist dadurch nahezu unmöglich geworden.

Am Ende der Handelskette stehen natürlich Sie als Verbraucher. Dies verleiht Ihnen in einer Marktwirtschaftlichen eine starke Position. Ihre stete Nachfrage zwingt die Unternehmen zu reagieren, da sie unmittelbar am wirtschaftli-chen Erfolg angreift.

Wählen Sie Präparate, die nachweislich aus umweltverträglicher Produktion stammen – auch wenn dies bislang noch sehr wenige sind. Verlangen Sie daneben nachhaltige Alternativen zu Mitteln, die noch auf Raubbau basieren – hier wird steter Tropfen den Stein zuverlässig höhlen. Konsumieren Sie bewusst und nach Bedarf, senken Sie wo möglich Ihren Verbrauch.

Kurzum: Bleiben Sie gesund!

von Andreas Schlumberger

 

Gemeinsam mit Partnerorganisationen entwickelt der WWF Standards für einen dauerhaft verträglichen Umgang mit Heilpflanzen. Fachinformationen erhalten Sie bei: WWF Deutschland, Susanne Honnef, Rebstöcker Straße 55, D-60326 Frankfurt/Main E-mail honnef@wwf.de • Details zum Thema finden Sie unter externer Hyperlink in neuem Fenster öffnen www.wwf.de/naturschutz/arten/medizin-artenschutz