Obstjuwel vom alten Schlag
Äpfelvielfalt
Der Lieblingsapfel von Eckart Brandt heißt Finkenwerder Herbstprinz. “Ein Apfel mit rustikalem Charakter”, schwärmt der Obstbauer aus Großenwörden bei Hamburg. “Man schmeckt die nahe See und die Aromen des norddeutschen Sommers.” Der Herbstprinz ist ein saftiger, gelbroter Tafelapfel, der sich wegen seines ausgewogenen Zucker-Säure-Verhältnisses auch ausgezeichnet zum Backen, Mosten und für Obstbrand eignet. Eigenschaften, die auch Feinschmecker überzeugen: Die Genießer-Vereinigung hat Brandts Lieblingsapfel in ihre “Arche des Geschmacks” aufgenommen, die regionale Spezialitäten vor dem Untergang retten soll.
In Deutschlands größtem zusammenhängenden Obstbau-Gebiet, an den Ausläufern des Alten Landes an der Elbe, kultiviert Eckart Brandt rund 800 Sorten – darunter sind welche mit so poesievollen Namen wie Celler Dickstiel, Schöner von Haseldorf, Vierländer Blutapfel oder Juwel von Kirchwerder. “Es ist aufregend, was für Geschmäcker es gibt”, sagt der Apfelfreak. “Manche schmecken nach Früchten wie Banane oder Himbeere. Andere haben einen Bittermandel-Touch. Ich hatte sogar mal eine Sorte, die nach Zartbitterschokolade schmeckte.” Von einer solchen Geschmacksvielfalt können Verbraucher, die sich mit den sechs, sieben Sorten aus dem Supermarkt begnügen, nur träumen. Gehandelt werden von den einst mehreren tausend Apfelsorten in Deutschland im wesentlichen nur noch Boskop, Elstar, Jonagold, Gloster, Cox Orange, Granny Smith und Golden Delicious. Äpfel sind längst zum uniformen Industrieprodukt verkommen. Im Zuge der Europäischen Union ist die regionale Vielfalt auf der Strecke geblieben. “Der Standardapfel ist rund, muss schnell über die Sortiermaschine laufen und in die vorgestanzten Verpackungen passen”, sagt Eckart Brandt. Da können die meisten alten Sorten nicht mithalten. Manche haben nämlich eine Glockenform, andere erinnern an Paprikaschoten oder Eier. Alles, was die Industrienorm als zu pflegeaufwändig, ertragsschwach oder druckempfindlich definierte, wurde ausselektiert. Übrig blieb eine gleichförmige, knackige, süßlich schmeckende rote Kugel, die den heutigen Verbrauchergeschmack prägt.
“Seitdem Äpfel kein Aroma mehr haben, erzählt man den Leuten, dass sie knacken müssen”, schimpft Brandt. “Knackige Äpfel kann jeder Idiot erzeugen. Er muss sie nur unreif vom Baum reißen und ins Kühllager legen." Durch Direktvermarktung auf Bio-Märkten in Hamburg und Umgebung versucht Brandt verlorene Äpfelvielfalt wiederzugewinnen und den Leuten die unterschiedlichsten Aromen wieder schmackhaft zu machen. “Ich habe immer ein Messer dabei und schneide Schnitze”, sagt der Obstbauer. “Die Leute wundern sich jedesmal, was für tolle Apfelgeschmäcker es gibt.” Mit seinen Kostproben schafft es Brandt, auch unscheinbare Sorten wie den Celler Dickstiel unters Volk zu bringen.
Gekocht, gebraten und gedörrt
“Die Verbraucher haben den Bezug zum Apfel verloren”, klagt auch Stefanie Böge. Die Raumplanerin hat sich in ihrer Doktorarbeit mit dem Verlust der Sortenvielfalt und dem Apfel als Industrieprodukt beschäftigt. “Die meisten Menschen wissen gar nicht mehr, wann ein Apfelbaum blüht, wann er Früchte trägt und wie man Äpfel lagert.” Früher wurden Äpfel zur Selbstversorgung angebaut; sie wurden gekocht, gebacken, gebraten, gedörrt und zu Kompott verarbeitet; zu Saft gepresst, zu Most vergoren und zu Schnaps destilliert. Mit dem Apfelanbau verbunden ist ein reicher Anekdotenschatz und das Brauchtum ganzer Regionen. Damit diese Apfelkultur nicht gänzlich verloren geht, haben sich vielerorts Apfeltage und Streuobst-Initiativen gegründet. Äpfel haben früher jedoch nicht nur das Leben der Menschen, sondern auch die Landschaft geprägt. Überall dort, wo die Böden genug Nährstoffe enthiel-ten, wurden Apfelbäume gepflanzt. Streuobst-Wiesen mit blühenden, hochstämmigen Apfelbäumen gehörten damals zum typischen Landschaftsbild ländlicher Regionen. Das ist heute anders: Apfelgärten mit Hochstamm-Bäumen, deren Äste frühestens auf einer Höhe von 1,8 Meter sprießen, sind inzwischen die Ausnahme, denn sie machen viel Arbeit: “Man muss ständig die Leiter umstellen, damit man alle Äpfel erwischt”, erläutert Eckart Brandt. Heute dominieren Niederstammkulturen: niedrige Spindelbäume, die akkurat in Reih und Glied stehen und sich dreimal so schnell abernten lassen.
Alles hängt am Delicious
Äpfel sind mehr als nur ein Lebensmittel. “Der Apfel ist ein Kulturgut”, sagt Brandt. Ein Kulturgut, das er in seiner ganzen Vielfalt vor dem Untergang bewahren will. Mit Gleichgesinnten hat der Apfelbauer den Verein Boomgarden gegründet. Den Grundstock bildet seine einzigartige Sammlung, die er als Genbank versteht und eines Tages für Züchter wertvoll werden könnten. Brandt und seine Vereinskollegen wollen regionale Apfelsorten retten und die genetische Vielfalt sichern. Denn: “Fast alle Sorten hängen irgendwie vom Golden Delicious ab”, sagt Brandt. Sich züchterisch so einengen zu lassen, sei ein riskantes Spiel, warnt der Apfelexperte. Schließlich ändere sich das Klima. Doch noch weiß niemand, wie das Obstsortiment der Zukunft aussehen muss.
von Hartmut Netz
Die Studie Äpfel – vom Paradies bis zur Verführung im Supermarkt von Stefanie Böge erhalten Sie für 22,50 EUR bei: Dortmunder Vertrieb für Bau- und Planungsli-teratur, Gutenbergstr. 59, D-44139 Dortmund, Fon 0231/146565, Fax 0231/147465, E-mail info@dortmunder-vertrieb.de • Bäume alter Apfelsorten erhalten Sie bei: Eckart Brandt, Im Moor 1, D-21712 Großenwörden, Fon 04775/538, Fax 04775/891099, E-mail info@boomgarden.de, Internet
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