Die Wildkatze / Gestreifte Schatten
"Schattenjagd" nennt Thomas Mölich seine Arbeit. So wenig greifbar ist sein Forschungsobjekt. Seit Mitte der neunziger Jahre pirscht der Zoologe im Auftrag des Umweltverbandes BUND, der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF) und der Nationalparkverwaltung Hainich der Wildkatze hinterher. Es ist ein Job, für den man Ge-duld und Ausdauer braucht. Denn Wildkatzen gehören nicht nur zu den seltensten Tierarten in Deutschland, son-dern auch zu den scheusten. “Man bekommt sie meist nur zu sehen, wenn sie überfahren auf der Straße liegen”, sagt Manfred Großmann, der stellvertretende Leiter des Nationalparks Hainich in Thüringen. Entsprechend wenig wissen Biologen über die Lebensweise der gestreiften Mäusejäger. Klar ist aber, dass die Art in Deutschland vom Aussterben bedroht ist. Etwa 2000 Tiere soll es bundesweit noch geben, die meisten davon leben im Pfälzer Wald und im Harz. Durch den Nationalpark Hainich streifen wahrscheinlich etwa 20 Katzen. Um mehr über deren Ge-wohnheiten und Ansprüche herauszufinden, hat Thomas Mölich neun davon in Holzkästen gefangen und mit ei-nem Sendehalsband versehen – ein schwieriges Unternehmen. Denn keine Wildkatze lässt sich so einfach in eine Falle locken. Wenn der Forscher feststellte, dass die Eingangsklappe zugefallen war, saß oft ein Waschbär dahin-ter. Erst mit Baldrian als Köder hat Mölich die erste Katze gefangen. Was die Tiere an dem Heilkraut so attraktiv finden, wissen Experten nicht so genau. Möglicherweise transportiert der Duft eine sexuelle oder soziale Botschaft.
Zahllose Stunden ist Thomas Mölich mit Peilantenne und Empfangsgerät durch den Wald gelaufen und hat die besenderten Katzen verfolgt. Manchmal ließ sich das Signal in der unübersichtlichen Wildnis allerdings nur vom Flugzeug aus wiederfinden. Der 7 600 Hektar große Nationalpark Hainich sieht stellenweise aus, wie man sich einen Urwald vorstellt. Mächtige Buchenstämme ragen in den Himmel, dazwischen wachsen Eschen, Ahorne, Lin-den und fast alle anderen Laubbaumarten Deutschlands. Die Bäume bleiben stehen, bis sie von Sturm oder Alter gefällt werden. Die Reste der Baumriesen liegen kreuz und quer am Boden, Moos und Pilze, Kräuter und Baum-keimlinge sprießen aus ihrem vermodernden Holz. So ähnlich muss der Buchenwald ausgesehen haben, der vor dem Eingreifen des Menschen etwa drei Viertel Deutschlands bedeckte. Heute haben aufgeräumte Wirtschafts-wälder mit wenigen Baumarten diese Urwälder fast völlig verdrängt.
Im Hainich aber hat stellenweise seit Jahrzehnten keine Forstwirtschaft mehr stattgefunden, da die Volksarmee der DDR und die Rote Armee Russlands große Teile des Geländes als Truppenübungsplätze abgezäunt hatten. Diese Flächen sollen sich nun unter dem Schutz des Nationalpark-Status weiter in Richtung Wildnis entwickel
Verborgen im dichten Gehölz
Das Symboltier dieses Vorhabens ist die Wildkatze. Sie bevorzugt genau die Art von Lebensraum, die im Hainich geschützt wird: unzerschnittene und abwechslungsreiche Laubwälder. Die Weibchen durchstreifen ein Gebiet von etwa 600 Hektar, das Revier der Männchen ist fünf Mal so groß. Thomas Mölich hat 350 Ruheplätze der Wildkatze kartiert. Die meisten davon liegen unter Totholz oder in Gebüschen am Waldrand. Was die Mäusefänger nicht lei-den können, sind offene Wiesen und Felder. “Keins der Tiere hat sich mehr als 200 Meter aus dem Wald heraus-getraut”, sagt der Zoologe.
Das ist wahrscheinlich der Grund dafür, dass die Wildkatzen bisher noch nicht vom Hainich aus in den Thüringer Wald eingewandert sind: Es liegen einfach zu viele Straßen, Siedlungen und offene Flächen dazwischen. Wildkat-zen sind ohnehin nicht die wanderfreudigsten Raubtiere. Nur ein einziger Kater hat während Mölichs Studie den Nationalpark verlassen. Wenn die Tiere also erst einmal aus einem Gebiet verschwunden sind, kehren sie nur sehr langsam zurück. In den meisten Wäldern Deutschlands aber wurden sie ausgerottet, weil Jäger sie als “Raubzeug” verfolgten. Noch heute wird ab und zu ein Tier erschossen, weil ein Waidmann es für eine wildernde Hauskatze hält. Die größten Gefahren für die Wildkatze sind aber der Straßenverkehr und die Zerstückelung ihres Lebens-raums. Die wenigen Bestände leben oft isoliert auf Waldinseln inmitten der Kulturlandschaft. Genetischer Aus-tausch ist da kaum möglich. Eine Krankheit kann eine ganze Population auslöschen, weil keine Tiere zuwandern. Daher plädieren Naturschützer dafür, die isolierten Lebensräume mit Waldstreifen zu verbinden. Davon könnten auch zahlreiche andere Arten profitieren. “Wo es solche Korridore gibt, breitet sich die Katze bereits wieder aus”, freut sich Mölich. Vom hessischen Ringgau aus haben sie es schon bis in den Nordwesten des Thüringer Waldes geschafft. Die gestreiften Schatten erobern Deutschland zurück.
Kerstin Viering
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