Blühende Landwirtschaften
In vielen Gegenden Deutschlands kann man wochenends Spaziergänger auf schmalen Teerpfaden durch die ausge-räumten Agrarlandschaften steuern sehen. Wer hier wachen Sinnes unterwegs ist, wird bemerken, dass er allein schon durch seine Anwesenheit die Artenvielfalt enorm „steigert“. Denn auf den meisten landwirtschaftlichen Nutzflächen ist außer den Erntepflanzen nicht mehr viel Lebendiges zu finden, gilt doch die Intensivlandwirtschaft als eine der vorrangi-gen Ursachen für das Verschwinden zahlreicher Tiere und Pflanzen. Dabei könnten Landwirte einiges tun, damit sich rare Spezies wieder auf ihren Feldern einstellen. Viele Biobauern machen es schon vor.
Der kleine Unterschied
Eine Grundvoraussetzung, dass Pflanzen und Tierarten reichlich gedeihen, ist eine unvergiftete Umwelt. Damit startet der ökologische Landbau als Favorit in den Wettbewerb um mehr Vielfalt auf den Äckern: Biobauern verzichten katego-risch auf alle synthetischen Pestizide. Doch herkömmlich arbeitende Landwirte können sich noch weitere Kniffe von ihren Kollegen abschauen. Leben braucht Struktur und so gilt es, die weiten Nutzflächen durch Ackerrandstreifen, Hecken und unbearbeitete Flecken zu bereichern. Mohn oder Kornrade am Feldrand stehen beispielhaft für die sog. Ackerbegleit-kräuter. Sie gedeihen nur dort, wo ihnen die Bauern neben den eigentlichen Ertragsflächen noch genügend Raum – ca. fünf Prozent der gesamten Flächen - und Zeit zum wachsen lassen. – Ausgedehntes Grünland sieht zwar nach „heiler Welt“ aus, bedeutet alleine aber noch nicht, dass hier Vielfalt entsteht. Blühen muss es, damit Insekten landen. Beim Mähen sollte dann rund acht Zentimeter über dem Boden geschnitten werden – und zwar von der Mitte der Fläche nach außen hin, damit Kleingetier rechtzeitig fliehen und später zurückkehren kann. Auch schonende Balkenmäher und so genannte Wildretter helfen, die Zahl der Mahdopfer niedrig zu halten. Düngen darf wohl sein, aber behutsam und nicht mit Gülle, sondern mit Festmist. Eine vielseitige Fruchtfolge schließlich fördert die Bodenfruchtbarkeit, auch für seltene Pflanzen.
Brücken bauen für kleine Tiere
Strauchige und buschige Knicks bilden in Agrarflächen geradezu Metropolen der Vielfalt. Im Unterholz tummeln sich Igel, im Geäst jagen Singvögel. Bestenfalls verbinden Gehölzstreifen noch Waldstücke miteinander und wirken so als „Land-brücken“für Arten, die über kurze Strecken wandern, aber den Weg über den offenen Acker nicht antreten können. Viele Käferpopulationen, die vom Totholz abhängen, sind isoliert in kleinen Waldinseln verloren. Entlang der Hecken aber kön-nen sie eine neue Heimat suchen. – Wenn es darum geht, Schädlinge „kurz“ zu halten, setzt der Ökolandbau u.a. auf natürliche Gegenspieler wie Schlupfwespen, Marienkäfer oder Raubmilben. Diese Nützlinge können sich nicht so explo-sionsartig vermehren wie ihre „Beute“, z.B. Blattläuse. Umso wichtiger ist es daher, ihnen optimale Lebensbedingungen zu schaffen. Dazu gehören Möglichkeiten sich auszuruhen, vor Fressfeinden zu verstecken und Partner zu finden. All das bieten Feldgehölze und blühende Saumstreifen. Parasitische Wespen legen zwar ihre Eier in die Wirtsinsekten, er-nähren sich aber nicht von ihnen, sondern von Nektar und Pollen. So überrascht es nicht, dass der Erfolg, Traubenwick-ler mit Nützlingen wie der Schlupfwespe Trichogramma zu bekämpfen, sofort deutlich steigt, wenn die Weinberge nicht typisch kahl, sondern von Blumen und Kräutern durchsetzt sind, an denen sich die Wespenmütter laben können.
Die Vögel pfeifen's von den Hecken
Viele gute Zeigerarten für den Zustand der Natur finden sich unter den Vögeln. Zum einen besetzt diese Gruppe sehr unterschiedliche Lebensräume, zum anderen stehen ihrer Vertreter oft an der Spitze der Nahrungspyramide, so dass ihr Wohlbefinden von einer gut entwickelten Vielfalt an Nahrungstierarten abhängt. Besonders empfindlich auf die Eingriffe der Landwirtschaft reagieren Bodenbrüter wie das Braunkehlchen oder Rebhuhn, die aus der Agrarlandschaft auch schon fast verschwunden sind. Sie brauchen Grünland, zusammengesetzt aus unterschiedlichsten Pflanzenarten, und einen abwechslungsreichen Insektenspeisezettel. Beides fehlt auf den weiten, von Monokulturen geprägten Flächen der Intensivlandwirtschaft. Auch lassen der niedrige Personaleinsatz und die knappen Gewinnspannen herkömmlich wirt-schaftenden Bauern kaum Zeit, bei Ernte bzw. Mahd auf die rar gewordenen Gelege zwischen den Halmen zu achten. Auf den Feldern der Biobauern finden sich indes fast 50 Prozent mehr Vögel, an den Rändern ist es immer noch ein Viertel. Unter den Wildpflanzen gedeihen nahezu 60 Prozent mehr im Umfeld von Biohöfen, manch seltene Art trifft man überhaupt nur noch dort an. An reiner Biomasse übertreffen sie die intensiv bewirtschafteten Felder um das Fünffache. Das lockt Insekten an: Doppelt so viele Schmetterlinge sowie deutlich höhere Vorkommen von Lauf- und Raubkäfern oder Spinnen konnten auf den Ökoäckern nachgewiesen werden.
Zuletzt sei noch darauf hingewiesen, dass Biobauern auch überdurchschnittlich viele seltene Nutztierrassen und -pflanzen kultivieren. Für Verbraucher ergibt sich aus all dem neben Geschmack und Reinheit ein zusätzliches Argument pro Bio: Mit Lebensmitteln vom Ökobauern kaufen sie zugleich ein Stück intakte und vielfältige Landschaft.
Andreas Schlumberger
Landwirtschaftlich Interessierte finden einen guten Überblick in der Broschüre Naturschutz und Ökolandbau, zu beziehen beim NABU, Thorsten Wiegers, D-53223 Bonn, Fon 0228/4036-141, Fax 0228/4036-206, E-mail presse@NABU.de, Internet
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